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THORN für 2 Violinen, Viola und Violoncello (1996) (9´)

Der Titel verweist auf die gleichnamige Erzählung des schwedisch-amerikanischen Schriftstellers Lars Gustafsson (geboren 1936). Der Ich-Erzähler verfolgt in einer Sammlung von alten Stichen und Landkarten die Entwicklung der Stadt Thorn, des heutigen Torun (Polen). Ein Detail, ein Haus mit einer Wetterfahne, erweckt sein Interesse. Dieses versucht er, von Karte zu Karte wiederzufinden. Mitunter ist es nur teilweise sichtbar, bisweilen scheint es von neuen Bauten gänzlich verdeckt zu sein und schließlich glaubt er, dass es durch die Veränderungen der Zeit aus dem Stadtbild verschwunden ist. Erst auf einem späten Stich findet er es wieder - an einer gänzlich anderen Stelle der Stadt. Und es bleibt die Frage, ob es jenes Haus ist oder ein bis ins kleinste Detail nachgebautes Pendant. Diese Erzählung veranschaulicht u.a. auch ein Problem der Musik, das Erwecken von Klang aus der Notation. Wie ein Musiker dringt der Erzähler in die Struktur des Grafik ein, belebt das Starre und projiziert es im Erzählvorgang in die Zeit.

THORN besteht zum Großteil aus Glissandi. In diesem dynamischen Systems ist eine ständig anwesende Konstante in Form eines Akkordes verborgen. Dieser Akkord erklingt in seinen möglichen Stellungen entweder vollständig oder in Teilen. Im Sog der fließenden Tonhöhenveränderungen glaubt man das Feste verloren. Man nimmt die verschiedenen dynamisierten Energieübergänge und Energiezustände wahr. Aber die Gestalt bildet sich trotzdem. Aus der harmonischen Präsenz des Akkordes, aus der Differenzierung in Abschnitte und aus der Bündelung der Instrumente zu einem Meta-Instrument bildet sich dem Stück eine Form, so wie ein Flussbett, in das sich das Wasser ergießt.

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Tonhöhen-Zeit-Diagramm von THORN, Takte 129 - 135

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